Eine kleiner Aufsatz von Eva Vanneste, die für verschiedene Hilfsorganisationen in Guatemala unterwegs ist:
Hungersnot in Guatemala
November 2009

Seit 2008 wird die Welt von einer Krise erschüttert, die fast alle Menschen auf irgendeine Art betrifft. Aber nicht alle spüren diese Folgen so am eigenen Leib wie die arme Bevölkerung in Guatemala.

Seit Anfang des Jahres gibt es in Guatemala eine Nahrungskrise, bei der mehr als 54 tausend Familien ihre Ernten verloren, vor allem im so genannten „Trockenen Gang“ (corredor seco) – in den Departementen Progreso, Jalapa, Jutiapa, Santa Rosa und Esquintla. Seit einigen Monaten sind davon noch 300 tausend Familien mehr im Hochland, in Huehuetenango, San Marcos, Quiché, Quetzaltenango, Totonicapan und Momostenango bedroht.

Die Wirtschafts – und Umweltkrise zeigt hier deutlich ihre Krallen.

Am 9. September rief der Präsident Álvaro Colom den Notzustand aus, um somit Hilfsmittel aus dem Ausland zu erhalten. Er meinte, dass es in Guatemala zwar Nahrungsmittel gebe, aber die arme Bevölkerung kein Geld habe, sich diese zu kaufen.

Unterernährung ist lebensgefährlich, gerade bei kleinen Kindern und älteren Menschen. Zudem verursacht es eine starke Unterentwicklung von Körper und Gehirn, was wiederum, bei dem Ausmaß in Guatemala, zu deutlichen Langzeitfolgen für die Entwicklung des Landes führen kann, da es den Menschen an Leistungsfähigkeit fehlt.

Guatemala ist generell gar kein armes Land. Es ist reich an Land, Natur, an biologischer Vielfalt, Bodenschätzen, sämtlichen Landwirtschaftsprodukten und reich an Kultur. Leider ist dieser Reichtum jedoch seit Ewigkeiten sehr ungerecht verteilt und somit hat der Großteil der Bevölkerung dazu keinen Zugang. Außerdem exportiert Guatemala seine Reichtümer fast ausschließlich und importiert dagegen viele andere Produkte, die dann hier teuer verkauft werden.

Bei all der Vielfalt leidet die Bevölkerung trotzdem Hunger. Laut Statistik des Nationalen Systems zur Nahrungssicherung sind 62.5% aller Kinder Guatemalas unterernährt, was Guatemala auf Platz eins der Liste der Unterernährung bei Kindern in Lateinamerika bringt. Es gibt zwar ein Gesetz des Nationalen Systems zur Nahrungssicherheit (Dekret 32-2005), welches für die Verringerung von Hunger und Unterernährung sorgen sollte, aber die Zahl der Hungernden ist in den letzten Jahren sogar noch gestiegen. Und all dies, wo doch die neue so genannte „Sozial-demokratische“ Regierung recht viel in Sozial- und Bildungsprogramme für die ländliche Bevölkerung investiert.

Anfang September bekam Guatemala Besuch vom Ombudsmann der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung, Olivier de Schutter. Dieser meinte am Ende, die Mühen der Regierung würden nicht genügen, in Guatemala müsse man an strukturellen Veränderungen arbeiten. Dazu gehört zum Beispiel: das Recht auf Land für alle, auch für die arme Bevölkerung, mehr nachhaltige Projekte im ländlichen Bereich, höhere Investitionen im Bildungsbereich, mehr Aktionen gegen rasistische Diskriminierung und Gender-Ungleichheit sowie die Schaffung von Arbeitsplätzen und besseren Arbeitsbedingungen. Ein Programm zur Vorbeugung und Bekämpfung von Unterernährung und Hunger sollte nicht nur aus Nahrungsmittelspenden bestehen, sondern muss einen langfristigen Plan beinhalten, der den Lebensunterhalt vieler Menschen sichert. Der Ombudsmann war schockiert über die soziale und wirtschaftliche Ungleichheit im Land.

Leider ist Weitsichtigkeit und Nachhaltigkeit noch nie eine Stärke und noch weniger das Interesse guatemaltekischer Politiker gewesen.

Glücklicherweise hängt nicht alles von der Regierung ab und es gibt verschiedene Gemeinschaften, Basisgruppen, Organisationen und Netzwerke, die sich für nachhaltige Alternativen einsetzen und aus eigener Initiative nach Lösungen suchen. Leider brauchen diese dazu immer auch finanzielle Mittel und manchmal scheitert es daran, dass sie kein Land, keine professionelle landwirtschaftliche Begleitung und kein Geld für Samen usw. haben. Aber auch da wird nach Möglichkeiten gesucht, um mehr Strategien zur Nahrungssouveränität zu entwickeln. So gibt es in Guatemala ein Kollektiv für das Recht auf Nahrung, eine Kampagne gegen den Hunger, ein Netzwerk für Nahrungssouveränität und viele kleine Organisationen, die in biologische und agro-ecologische Landwirtschaft investieren. Mit ihren Produktions-Projekten garantieren sie einerseits genügend und bessere Nahrung für die Familien auf dem Land und sorgen sich andererseits auch um die Umwelt und somit um die Zukunft.

Wenn es die Regierung nicht tut, muss man sich selbst um die Nahrungssicherung bemühen. Das Recht auf Nahrung allerdings ist ein Menschenrecht und ihre Garantie Zuständigkeit jeder Regierung. In Guatemala kann es jedoch noch viele Jahre dauern bis jeder genug zum Leben hat, doch trotz Hunger suchen die Menschen einen Weg.

Von: Eva Vanneste

Weitere Artikel finden Sie unter:
http://www.dw-world.de/dw/article/0,,4664063,00.html
http://www.taz.de/1/politik/amerika/artikel/1/guatemala-ruft-notstand-aus
http://www.amerika21.de/nachrichten/inhalt/2009/sep/guatemala-67263983-notstand/

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Fijáte Ausgabe Juli 2008