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August 2010: Auf  zum Augentesten!

Die Augen zukneifend sitzt Henry im Unterricht und versucht zu erkennen, was an der Tafel steht. Wenn er etwas in sein Heft schreibt, dann berührt seine Nase fast das Blatt. Schon seit geraumer Zeit fiel den Lehrern auf, dass Henry Probleme beim Sehen hat.
Als seine Mutter darauf aufmerksam gemacht wird, geht sie aber nur wenig darauf ein und meint, es sei alles in Ordnung mit seinen Augen. Es ist schwierig als alleinerziehende Mutter. Sie arbeitet den ganzen Tag bis spät abends, hat nur sonntags frei und dennoch reicht das Geld kaum, um zwei Kinder zu versorgen. Da will man wohl lieber nicht an die Kosten einer Augenüberprüfung beim Optiker denken, schon gar nicht an eine Brille.

Einem glücklichen Umstand ist es zu verdanken, dass ein Freund, von Beruf Optiker, gerade nach Antigua gezogen ist. Auf unsere Anfrage bezüglich Henry bot er sich an, gleich alle Kinder von EducArte kostenlos zu überprüfen. An zwei Nachmittagen wurden somit alle Kinder einem Augentest unterzogen.
Ein wenig nervös waren die Kinder schon als sie den Raum betraten und sich auf den Stuhl setzten. Noch nie wurden ihre Augen überprüft. Stolz nahm der Großteil die beruhigende Nachricht zur Kenntnis, dass sie gut sehen und eine Brille nicht notwendig sein wird.
Es wurden insgesamt 47 Kinder getestet, wovon lediglich vier eine Brille brauchen werden. Henry ist definitiv darunter, denn er hat mit seinen sieben Jahren schon ziemlich schlechte Augen. Zu seinem Glück hat er Paten, die bereits ihre volle Unterstützung zugesagt haben und ihm eine Brille bezahlen werden.
Mithilfe unseres Freundes werden sich diese Kosten auf umgerechnet 20 € belaufen. Dies ist zwar sehr günstig, aber für einige Familien, mit denen EducArte arbeitet, bedeutet dies oft ein halbes Monatseinkommen oder weniger.

Auch für die anderen drei betroffenen Kinder werden wir versuchen, die Eltern bei den Kosten zu unterstützen.

 

Prüfungen über Prüfungen

Ungewöhnlich still war es in EducArte…kein Lehrer, der etwas erklärte oder fragte und keine Kinder, die die Antwort brüllten…kein Mucks war zu hören. Und plötzlich fiel es mir wieder ein…Bimester-Examen.
Alle zwei Monate schreiben alle Schulklassen in allen Fächern Prüfungen. Eine ganze Woche lang schwitzen die Kids über ihren jeweiligen Aufgaben. Hier zum Beispiel unsere Kleinen.

Kleine Exkursion ins Schulwesen: Das öffentliche Schulsystem in Guatemala ist wie folgt gegliedert: Kinder von 4-6 Jahren besuchen die Vorschule (preprimaria), welche theoretischerweise Pflicht ist, was allerdings aufgrund mangelnder Einrichtungen vollkommen unmöglich ist. “Echte” Schulpflicht besteht aber für die Kinder von 7-14 Jahren. Die nämlich müssen die 6-jährige Grundschule (primaria) besuchen.
In der Praxis trifft dies leider auch nicht hundertprozentig zu, am wenigsten in den ländlichen Regionen. Gründe hierfür sind sehr verschieden und reichen von Geldmangel für das Schulmaterial bis hin zu fehlendem Interesse seitens der Eltern für die Bildung ihrer Kinder.
Viele Kinder müssen arbeiten um zum Lebensunterhalt beizutragen, oder aber sie passen auf die jüngeren Geschwister auf. Manche Eltern meinen, dass die Bildung besonders der Mädchen nicht von allzu großer Wichtigkeit sei, da sie ja doch nur Hausfrauen und Mütter werden würden. Nach diesen 6 Jahren folgt die Weiterführende Schule (segundaria), die in drei Basisjahre und zwei Jahre der jeweiligen Berufsorientierung bzw. Universitätsvorbereitung (vergleichbar mit dem deutschen Abitur) unterteilt ist.

Für alle, die aus diesem Schulsystem fallen, weil sie zu alt oder gar schon erwachsen sind, gibt es außerdem ein Alphabetisierungsprogramm (CONALFA), in dem jeder ab einem Alter von 15 ebenfalls die Grundschule abschließen kann. In unserem speziellen Fall sieht es folgendermaßen aus: EducArte bietet die einzige Vorschule in Ciudad Vieja an, die für ihr Klientel finanziell möglich ist. Sämtliche Einrichtungen dieser Form sind meist private Vorschulen, die vergleichsweise hohe Beiträge verlangen.
Außerdem bietet EducArte die Grundschule, CONALFA und daneben 2 Multi-Aula-Klassen an. Mult-Aula ist eine Art Auffangklasse für Kinder und Jugendliche, die schon zu alt für die Grundschule, aber noch zu jung für das Alphabetisierungsprogramm sind. Für diese Kinder hat der Staat leider keine Lösung. Bei EducArte erhalten sie die nötige Schulbildung, um dann sofort mit 15 Jahren die Abschlußprüfung absolvieren zu können.
Wenn die Schüler von EducArte ihre Grundschule erfolgreich abschließen, ist schon viel geschafft. Leider kann man mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass die wenigsten eine weiterführende Schule besuchen werden. Daher ist es ein wichtiges Ziel, die Kinder so gut wie möglich auf das Leben vorzubereiten mit der notwendigen schulischen Grundbildung, aber auch mithilfe der vielen außerschulischen Bildungsaktivitäten.

Februar 2010: Interview mit Familie Tomás

Micaela ist eines von  11 Kindern. Sie ist 29 Jahre alt und damit die Zweitälteste. Seit 5 Monaten arbeitet sie bei EducArte als Köchin und Reinigungskraft. Ihre beiden Söhne, Willy und Selvin, wie auch ihre beiden jüngsten Schwestern, Mariela und Evelin, kommen schon seit Jahren zu EducArte. Micaela und ihre Familie lebt bei ihren Eltern, mit sechs ihrer Geschwister und deren Kindern auf einem kleinen Grundstück. Sie haben ein kleines Zimmer und eine winzige Küche. Ein kleines Häuschen steht ein wenig entfernt und dient als Gemeinschaftstoilette. Es gibt zwar Wasser, aber den Strom bekommen sie vom Nachbarn. Ich habe mit Micaela gesprochen und sie hat mir ihre Geschichte erzählt:

Eileen: Micaela, wo kommt deine Familie ursprünglich her?

Micaela: Als ich 9 Jahre alt war kamen wir aus einem kleinen Dorf im Departamento Huehuetenango*  hier her. Es gab dort keine Arbeit und wenn die Ernten schlecht waren, hatten wir gar nichts. Hier in Ciudad Vieja ist es zwar auch nicht einfach, aber von dem bisschen Geld, das wir verdienen, können wir wenigstens leben. Zur Zeit gehen meine Eltern und Geschwister Kaffeepflücken.

Eileen: Welche Sprache sprecht ihr zu Hause?

Micaela: Wir sprechen ursprünglich Q’anjob’al, aber mit meinen Kindern spreche ich nur Spanisch. Ich möchte lieber, dass sie gut Spanisch lernen, damit sie keine Probleme in der Schule haben und richtig lernen können. Q’anjob’al sprechen eigentlich nur noch meine Eltern.

Eileen: Wie kamst du zu der Arbeit bei EducArte?

Micaela: Ich habe vorher als Hausmädchen gearbeitet, aber da kam ich immer erst 8 Uhr abends nach Hause. Da schliefen meine Kinder meist schon, ohne vorher gegessen zu haben. Als ich hörte, dass EducArte eine Köchin sucht, habe ich mich sofort vorgestellt. Ich mag die Arbeit sehr, vor allem wegen der Kinder.

Eileen: Was gefällt dir an EducArte?

Micaela: Meine Kinder und Geschwister waren die ersten Kinder bei EducArte. Damals war es noch keine Schule, sondern ein Freizeitprojekt. Mir gefällt einfach, was sie den Kindern beibringen und wie sie unterrichten, auch neben dem Schulunterricht. Außerdem unterstützen  sie auch uns sehr (Anm. Damit meint sie das Patenschaftsprogramm und die soziale Familienhilfe bei EducArte).

Eileen: Was wünschst du dir für die Zukunft deiner Kinder?

Micaela: Ich möchte, dass meine Söhne studieren, am liebsten Architektur. Ich habe nie lesen gelernt. Auch wenn ich es nie geschafft habe, so will ich alles dafür tun, damit aus ihnen etwas wird. Dafür arbeite ich.

Mariela ist ist Micaelas Schwester und seit 5 Jahren bei EducArte. Sie mag die Schule sehr, vor allem die Lehrer seien toll. Sie wünscht sich, alle Klassen zu bestehen und möchte später mal Sekretärin werden. Für ihre nähere Zukunft hat sie allerdings ein anderes Ziel. Sie möchte nämlich zur Miss Karneval 2010 gewählt werden und hat dafür schon die gesamte Schule mit „Wählt Mariela“-Plakaten geschmückt.

 

*Das Departamento Huehuetenango gehört zum nordwestlichen Hochland und erhält mit einem indigenen Anteil von rund 85% noch immer eine große Sprachvielfalt und kulturelle Identität aufrecht. Der überwiegende Teil der Bevölkerung lebt auf dem Land, wo die Armut allerdings besonders groß und die Analphabetenrate sehr hoch ist.

Einblicke

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Ein Aufsatz von Tahsin Mahmud, Schüler der 12. Klasse der European Standard School in der bangladeschischen Hauptstadt Dhaka:
Eine außergewöhnliche Begegnung

Ich sprang aus dem Bus und spazierte nach Hause. An eine Fahrradrikscha war nicht zu denken, da ich mal wieder knapp bei Kasse war. Ich hatte einen 10-Taka-Schein und ein paar 2-Taka-Scheine in der Tasche. Da bereits die Abenddämmerung über Dhaka hereinbrach, wollte ich mein Ziel so schnell wie möglich erreichen. Denn desto näher die Nacht kommt, desto unsicherer wird es auf den Straßen der Hauptstadt.Wenn mich irgendein Räuber oder eine Straßenbande in die Finger bekommt, könnten mir Prügel blühen… oder ich blamiere mich gar mit meinen läppischen paar 2-Taka-Scheinen! Ich ging schnell auf eine dunkle Gasse zu, als mich plötzlich jemand von hinten anstupste. Im ersten Moment erschrak ich und mein erster Gedanke war: „Lauf um dein Leben!“ Aber ich war dann doch mutig genug, mich umzudrehen und sah ein kleines Mädchen, das mich anstarrte. Das Mädchen war ungefähr acht Jahre alt. Sie war nahezu nackt, barfüßig, hatte eine zerrissene und dreckige Hose an und sonst nichts. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie sie so in dieser Zeit, in der die Temperaturen auf fast 18 °C sinken, überlebt… Sie hielt eine zerbrochene Flasche, von der oben ein Teil fehlte. Ihr dunkles Gesicht war überfüllt mit Pickeln und Narben. Das Licht der Straßenlampe fiel auf ihr rotes und trockenes Haar. „Wann hat sie wohl zum letzten mal geduscht?“, dachte ich. Ihre unschuldig dreinschauenden Augen zwinkerten nicht ein einziges Mal bis ich aufhörte, sie anzustarren. „Ah! Immer dasselbe… ein Straßenkind, das wahrscheinlich nach Geld fragen wird.” Ich drehte mich um und ging. Sie hörte nicht auf, mich zu stupsen und nach meinen Händen zu greifen. “Sir, bitte geben Sie mir etwas Geld! Ich hatte seit heute morgen nichts mehr zu essen. Auch meine Mutter und mein Bruder sind hungrig! Bitte, Sir“, sagte sie mit liebenswürdiger und überzeugender Stimme. Ich war an diese Art von Begegnungen gewohnt und wußte, was letztendlich passieren wird. Ich habe sie einige Male ignoriert, aber sie gab nicht auf! Ich war schon über einen Kilometer gegangen und sie folgte mir über die ganze Zeit. Ich dachte mir, dass sie wahrscheinlich friert. Und so war ich wieder einmal großzügig, nahm meinen 10-Take-Schein aus der Tasche und gab ihn ihr. Doch bevor ich mich bücken konnte, um ihr den Schein zu geben, sprang sie hoch, schnappte ihn mir weg und ging dann einige Schritte zurück. Sie streckte mir ihre Zunge heraus und begann zu lachen. Aus dem Nichts brachte sie ein Bündel von 10-Taka-Scheinen hervor! „Oh mein Gott, sie hat mehr Geld als ich!“ Anfangs habe ich mich ein bisschen geärgert, musste aber lächeln über ihren ausgeklügelten Plan. Sie grüßte mich mit ihren verkümmerten Händen und rannte zurück. Ich dachte, aus ihr könnte einmal eine gute Verhandlungsführerin werden! Das ist die Tatkraft und Intelligenz von Straßenkindern hier in Dhaka! Sie sind einfach Menschen wie wir auch, befinden sich aber seit ihrer Geburt auf falschen Pfaden. Jedes einzelne von ihnen hat seine individuellen Talente und Träume, aber nie bekommen sie die Möglichkeit, ihr Potential auch nur ansatzweise auszuschöpfen.

Aus dem Englischen von Rainer Ebert