Einblicke
 
Ein Aufsatz von Tahsin Mahmud, Schüler der 12. Klasse der European Standard School in der bangladeschischen Hauptstadt Dhaka:
Eine außergewöhnliche Begegnung

Ich sprang aus dem Bus und spazierte nach Hause. An eine Fahrradrikscha war nicht zu denken, da ich mal wieder knapp bei Kasse war. Ich hatte einen 10-Taka-Schein und ein paar 2-Taka-Scheine in der Tasche. Da bereits die Abenddämmerung über Dhaka hereinbrach, wollte ich mein Ziel so schnell wie möglich erreichen. Denn desto näher die Nacht kommt, desto unsicherer wird es auf den Straßen der Hauptstadt.Wenn mich irgendein Räuber oder eine Straßenbande in die Finger bekommt, könnten mir Prügel blühen… oder ich blamiere mich gar mit meinen läppischen paar 2-Taka-Scheinen! Ich ging schnell auf eine dunkle Gasse zu, als mich plötzlich jemand von hinten anstupste. Im ersten Moment erschrak ich und mein erster Gedanke war: „Lauf um dein Leben!“ Aber ich war dann doch mutig genug, mich umzudrehen und sah ein kleines Mädchen, das mich anstarrte. Das Mädchen war ungefähr acht Jahre alt. Sie war nahezu nackt, barfüßig, hatte eine zerrissene und dreckige Hose an und sonst nichts. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie sie so in dieser Zeit, in der die Temperaturen auf fast 18 °C sinken, überlebt… Sie hielt eine zerbrochene Flasche, von der oben ein Teil fehlte. Ihr dunkles Gesicht war überfüllt mit Pickeln und Narben. Das Licht der Straßenlampe fiel auf ihr rotes und trockenes Haar. „Wann hat sie wohl zum letzten mal geduscht?“, dachte ich. Ihre unschuldig dreinschauenden Augen zwinkerten nicht ein einziges Mal bis ich aufhörte, sie anzustarren. „Ah! Immer dasselbe… ein Straßenkind, das wahrscheinlich nach Geld fragen wird.” Ich drehte mich um und ging. Sie hörte nicht auf, mich zu stupsen und nach meinen Händen zu greifen. “Sir, bitte geben Sie mir etwas Geld! Ich hatte seit heute morgen nichts mehr zu essen. Auch meine Mutter und mein Bruder sind hungrig! Bitte, Sir“, sagte sie mit liebenswürdiger und überzeugender Stimme. Ich war an diese Art von Begegnungen gewohnt und wußte, was letztendlich passieren wird. Ich habe sie einige Male ignoriert, aber sie gab nicht auf! Ich war schon über einen Kilometer gegangen und sie folgte mir über die ganze Zeit. Ich dachte mir, dass sie wahrscheinlich friert. Und so war ich wieder einmal großzügig, nahm meinen 10-Take-Schein aus der Tasche und gab ihn ihr. Doch bevor ich mich bücken konnte, um ihr den Schein zu geben, sprang sie hoch, schnappte ihn mir weg und ging dann einige Schritte zurück. Sie streckte mir ihre Zunge heraus und begann zu lachen. Aus dem Nichts brachte sie ein Bündel von 10-Taka-Scheinen hervor! „Oh mein Gott, sie hat mehr Geld als ich!“ Anfangs habe ich mich ein bisschen geärgert, musste aber lächeln über ihren ausgeklügelten Plan. Sie grüßte mich mit ihren verkümmerten Händen und rannte zurück. Ich dachte, aus ihr könnte einmal eine gute Verhandlungsführerin werden! Das ist die Tatkraft und Intelligenz von Straßenkindern hier in Dhaka! Sie sind einfach Menschen wie wir auch, befinden sich aber seit ihrer Geburt auf falschen Pfaden. Jedes einzelne von ihnen hat seine individuellen Talente und Träume, aber nie bekommen sie die Möglichkeit, ihr Potential auch nur ansatzweise auszuschöpfen.

Aus dem Englischen von Rainer Ebert